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Vergebung

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Leseprobe
Wer suchet, der tötet Die Ermittlerin Lisbeth Salander steht unter Mordverdacht. Ihr Partner Mikael Blomkvist schwört, ihre Unschu... Weiterlesen
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Beschreibung

Wer suchet, der tötet Die Ermittlerin Lisbeth Salander steht unter Mordverdacht. Ihr Partner Mikael Blomkvist schwört, ihre Unschuld zu beweisen. Er weiß, dass es um Salanders Leben geht. Als seine Ermittlungen die schwedische Regierung in ihren Grundfesten zu erschüttern drohen, setzt er alles auf eine Karte. Nach "Verblendung" und "Verdammnis" der grandiose Höhepunkt der Trilogie um das Ermittlerduo Blomkvist und Salander. Mit einer Kugel im Kopf wird Lisbeth Salander in die Notaufnahme eingeliefert. Sie hat den Kampf gegen Alexander Zalatschenko, berüchtigter Drahtzieher mafiöser Machenschaften, ein weiteres Mal knapp überlebt. Aber wird sie gegen den schwedischen Geheimdienst bestehen können, der alle Kräfte mobilisiert, um sie ein für alle Mal mundtot zu machen? Zu groß ist die Gefahr, dass sie die Verbindung zwischen Zalatschenko und der schwedischen Regierung aufdeckt. Unterdessen arbeitet Mikael Blomkvist unter Hochdruck daran, Salanders Unschuld zu beweisen. Es fehlen nur noch wenige Details, und er wird das Komplott gegen Salander aufdecken. Auch als seine Ermittlungen von höchster Stelle massiv behindert werden, führt Blomkvist seine Arbeit unbeirrt fort. Er weiß genau, dass er nur noch diese eine Chance hat, um Lisbeth Salander zu retten.

"Stieg Larssons erzählerische Virtuosität (...) lässt seine Trilogie weit über das Genre des Polit-Thrillers hinauswachsen: Sie ist ein großer Gesellschaftsroman."

Autorentext
Stieg Larsson, 1954 geboren, war Journalist und Herausgeber des Magazins EXPO. 2004 starb er an den Folgen eines Herzinfarkts. Er galt als einer der führenden Experten für Rechtsextremismus und Neonazismus. 2006 wurde er postum mit dem Skandinavischen Krimipreis als bester Krimiautor Skandinaviens geehrt.

Wibke Kuhn, Jahrgang 1972, arbeitete nach dem Studium der Skandinavistik und Italianistik zunächst im Verlag. 2004 machte sie sich als Übersetzerin selbstständig. Sie überträgt skandinavische, englischsprachige und niederländische Romane und Sachbücher ins Deutsche (u. a. Stieg Larsson, Hendrik Groen und Nell Leyshon) und lebt in München.

Klappentext

Wer suchet, der tötet

Die Ermittlerin Lisbeth Salander steht unter Mordverdacht. Ihr Partner Mikael Blomkvist schwört, ihre Unschuld zu beweisen. Er weiß, dass es um Salanders Leben geht. Als seine Ermittlungen die schwedische Regierung in ihren Grundfesten zu erschüttern drohen, setzt er alles auf eine Karte. Nach "Verblendung" und "Verdammnis" der grandiose Höhepunkt der Trilogie um das Ermittlerduo Blomkvist und Salander.

Mit einer Kugel im Kopf wird Lisbeth Salander in die Notaufnahme eingeliefert. Sie hat den Kampf gegen Alexander Zalatschenko, berüchtigter Drahtzieher mafiöser Machenschaften, ein weiteres Mal knapp überlebt. Aber wird sie gegen den schwedischen Geheimdienst bestehen können, der alle Kräfte mobilisiert, um sie ein für alle Mal mundtot zu machen? Zu groß ist die Gefahr, dass sie die Verbindung zwischen Zalatschenko und der schwedischen Regierung aufdeckt. Unterdessen arbeitet Mikael Blomkvist unter Hochdruck daran, Salanders Unschuld zu beweisen. Es fehlen nur noch wenige Details, und er wird das Komplott gegen Salander aufdecken. Auch als seine Ermittlungen von höchster Stelle massiv behindert werden, führt Blomkvist seine Arbeit unbeirrt fort. Er weiß genau, dass er nur noch diese eine Chance hat, um Lisbeth Salander zu retten.



Zusammenfassung
Wer suchet, der tötet

Die Ermittlerin Lisbeth Salander steht unter Mordverdacht. Ihr Partner Mikael Blomkvist schwört, ihre Unschuld zu beweisen. Er weiß, dass es um Salanders Leben geht. Als seine Ermittlungen die schwedische Regierung in ihren Grundfesten zu erschüttern drohen, setzt er alles auf eine Karte. Nach Verblendung und Verdammnis der grandiose Höhepunkt der Trilogie um das Ermittlerduo Blomkvist und Salander.

Mit einer Kugel im Kopf wird Lisbeth Salander in die Notaufnahme eingeliefert. Sie hat den Kampf gegen Alexander Zalatschenko, berüchtigter Drahtzieher mafiöser Machenschaften, ein weiteres Mal knapp überlebt. Aber wird sie gegen den schwedischen Geheimdienst bestehen können, der alle Kräfte mobilisiert, um sie ein für alle Mal mundtot zu machen? Zu groß ist die Gefahr, dass sie die Verbindung zwischen Zalatschenko und der schwedischen Regierung aufdeckt. Unterdessen arbeitet Mikael Blomkvist unter Hochdruck daran, Salanders Unschuld zu beweisen. Es fehlen nur noch wenige Details, und er wird das Komplott gegen Salander aufdecken. Auch als seine Ermittlungen von höchster Stelle massiv behindert werden, führt Blomkvist seine Arbeit unbeirrt fort. Er weiß genau, dass er nur noch diese eine Chance hat, um Lisbeth Salander zu retten.



Leseprobe
I. Kapitel

Freitag, 8. April

Dr. Anders Jonasson wurde von Schwester Hanna Nicander geweckt. Es war kurz vor halb zwei Uhr morgens.
»Was ist los?«, fragte er benommen.
»Draußen landet gerade ein Rettungshubschrauber. Zwei Patienten. Ein älterer Mann und eine junge Frau. Sie hat eine Schussverletzung.«
»Aha«, sagte Anders Jonasson mude.
Er hatte nur ungefähr eine halbe Stunde geschlafen. Heute hatte er Nachtdienst in der Notaufnahme im Sahlgrenska-Krankenhaus von Göteborg. Es war ein furchtbar anstrengender Abend gewesen. Seit er um 18 Uhr seinen Dienst angetreten hatte, waren vier Patienten hinzugekommen, die bei einem Frontalzusammenstoß bei Lindome verletzt worden waren. Eine Frau war schwer verletzt, eine andere war kurz nach der Einlieferung für tot erklärt worden. Außerdem hatte er eine Kellnerin behandelt, die sich bei einem Unfall in einer Restaurantküche auf der Avenyn die Beine verbrüht hatte, und danach einem Vierjährigen das Leben gerettet, der mit Atemstillstand ins Krankenhaus eingeliefert worden war, nachdem er das Rad eines Spielzeugautos verschluckt hatte. Dann hatte er ein Mädchen im Teenageralter verbunden, das mit dem Fahrrad in eine Grube gefahren war. Passenderweise hatte das Bauamt die Grube direkt an der Abfahrt von einem Fahrradweg aufgerissen, und irgendjemand hatte auch noch prompt die Absperrgitter umgeworfen. Sie war mit vierzehn Stichen im Gesicht genäht worden und wurde Ersatz für zwei Schneidezähne brauchen. Außerdem hatte Jonasson noch ein Stück Daumen wieder angenäht, das sich ein enthusiastischer Hobbyschreiner abgehobelt hatte.
Gegen elf war die Zahl der Patienten in der Notaufnahme deutlich gesunken. Er drehte eine Runde und überprufte den Zustand der Neuzugänge. Danach zog er sich in den Ruheraum zurück und versuchte ein Weilchen zu entspannen. Seine Schicht ging bis sechs Uhr, und normalerweise schlief er nicht, wenn er Dienst hatte, auch wenn keine Notfälle eingeliefert wurden. Doch ausgerechnet heute Nacht war er sofort eingenickt.
Schwester Hanna Nicander reichte ihm eine Teetasse. Details zu den neuen Patienten hatte sie noch nicht.
Anders Jonasson spähte aus dem Fenster und sah, dass es über dem Meer heftig blitzte. Der Hubschrauber kam gerade über dem Meer heftig blitzte. Der Hubschrauber kam gerade noch rechtzeitig zurück. Von einer Sekunde auf die andere fing der Regen an zu prasseln. Das Gewitter hatte Göteborg erreicht.
Während er am Fenster stand, hörte er das Motorengeräusch und sah, wie der Helikopter in den Sturmböen über dem Landeplatz schwankte. Atemlos verfolgte er, wie der Hubschrauberpilot versuchte, das heikle Landemanöver unter Kontrolle zu behalten. Dann verschwand der Helikopter aus seinem Blickfeld, und man hörte, wie der Motor langsamer wurde. Er nahm einen Schluck, bevor er seine Teetasse abstellte.

Anders Jonasson ging den Bahren in der Notaufnahme entgegen. Seine Kollegin Katarina Holm kümmerte sich um den ersten Patienten, der hereingefahren wurde - ein älterer Mann mit schweren Gesichtsverletzungen. Dr. Jonasson fiel es zu, sich um die andere Patientin zu kümmern, die Frau mit der Schussverletzung. Er untersuchte sie kurz und stellte fest, dass es sich anscheinend um einen Teenager handelte, lehmverkrustet, blutverschmiert und schwer verletzt. Als er die Decke anhob, die die Sanitäter über sie gebreitet hatten, merkte er, dass jemand die Schusswunden an der Hüfte und der Schulter mit breitem silbernem Tape zugeklebt hatte, eine Maßnahme, die er ungewöhnlich klug fand. Das Klebeband hielt die Bakterien draußen und das Blut drinnen. Eine Kugel war außen an der Hüfte eingeschlagen und direkt durchs Muskelgewebe gedrungen. Dann hob er ihre Schulter an und sah das Einschussloch im Rücken. Es gab keine Austrittswunde, was bedeutete, dass die Kugel immer noch irgendwo in der Schulter stecken musste. Er hoffte, dass sie nicht die Lunge penetriert hatte, aber dass er in der Mundhöhle des Mädchens kein Blut entdecken konnte, war schon einmal ein gutes Zeichen.
»Röntgen«, sagte er zur Krankenschwester. Mehr musste er nicht erklären.
Schließlich schnitt er den Verband auf, den die Sanitäter ihr um den Kopf gewickelt hatten. Ihm wurde eiskalt, als er mit den Fingern das Einschussloch ertastete und begriff, dass das Mädchen in den Kopf geschossen worden war. Und hier fehlte die Austrittswunde ebenfalls.
Anders Jonasson richtete sich kurz auf und betrachtete seine Patientin. Plötzlich überkam ihn eine gewisse Abscheu. Er hatte seine Arbeit oft mit der eines Torwarts verglichen. Jeden Tag wurden Menschen in verschiedenstem Zustand bei ihm eingeliefert. 74-jährige Damen, die mit Herzstillstand in Nordstans Galleria zusammengebrochen waren, 14-jährige Jungen, deren Lungenflügel von einem Schraubenzieher durchbohrt worden waren, und 16-jährige Mädchen, die ein paar Ecstasy-Tabletten geknabbert und achtzehn Stunden durchgetanzt hatten, um dann blau anzulaufen und zusammenzubrechen. Einige waren Opfer von Arbeitsunfällen oder Misshandlungen. Manche waren Kleinkinder, die auf dem Vasaplatsen von Kampfhunden angefallen worden waren. Bei anderen handelte es sich um praktisch veranlagte Männer, die mit ihrer Black&Decker ein paar Bretter zurechtsägen wollten und sich dann bis aufs Mark in die Handgelenke schnitten.
Anders Jonasson war der Torwart, der zwischen den Patienten und dem Bestattungsunternehmen stand. Seine Arbeit bestand darin, über die erforderlichen Maßnahmen zu entscheiden. Wenn er die falsche Entscheidung traf, würde der Patient sterben oder vielleicht wieder aufwachen, aber lebenslang Invalide bleiben. Meistens traf er die richtige Entscheidung, was darauf zurückzuführen war, dass die Mehrzahl der Verletzten ein ganz offensichtliches und spezifisches Problem hatte. Ein Messerstich in der Lunge oder eine Quetschung nach einem Autounfall war begreiflich und übersichtlich. Ob der Patient überlebte, hing von der Schwere der Verletzung und Jonassons Kompetenz ab.
Es gab zwei Arten von Verletzungen, die Anders Jonasson
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verabscheute. Das eine waren schwere Brandverletzungen, die
ungeachtet seiner Behandlung fast immer lebenslange Leiden nach sich zogen. Das andere waren Kopfverletzungen.
Das Mädchen vor ihm konnte mit einer Kugel in der HUfte leben und auch mit einer Kugel in der Schulter. Aber eine Kugel irgendwo in ihrem Gehirn war ein Problem ganz anderer Größenordnung. Plötzlich hörte er Schwester Hanna etwas sagen.
»Entschuldigung?« »Das ist sie.« »Was meinen Sie?«
»Lisbeth Salander. Das Mädchen, hinter dem sie in Stockholm seit Wochen wegen dreifachen Mordes her sind.«
Anders Jonasson warf einen Blick auf das Gesicht der Patientin. Schwester Hanna hatte völlig recht. Das Passfoto dieses Mädchens hatten er und alle anderen Schweden seit den
Osterfeiertagen auf den Schlagzeilenplakaten vor jedem Zeitschriftenladen gesehen. Und jetzt war die Mörderin selbst angeschossen worden, was wohl eine Art poetische Gerechtigkeit darstellte.
Aber das ging ihn nichts an. Seine Arbeit bestand darin, das Leben seiner Patientin zu retten, ganz gleich ob sie eine dreifache Mörderin oder eine Nobelpreisträgerin war. Oder sogar beides.

Danach brach das effektive Chaos aus, das eine Notaufnahme prägt. Das Personal von Jonassons Schicht machte sich routiniert ans Werk. Die Reste von Lisbeth Salanders Kleidung wurden aufgeschnitten. Eine Schwester verkündete den Blutdruck -ioo zu 70 , während er selbst der Patientin das Stethoskop an die Brust legte und einen verhältnismäßig regelmäßigen Herzschlag und eine nicht ganz so regelmäßige Atmung feststellte.
Dr. Jonasson zögerte nicht, Lisbeth Salanders Zustand als kritisch einzustufen. Die Verletzungen an Schulter und HUfte mussten warten. FUrs Erste konnte er einfach das Klebeband drauflassen, das jemand geistesgegenwärtig angebracht hatte. Das Wichtigste war der Kopf. Dr. Jonasson ordnete sogleich eine Computertomografie an.
Anders Jonasson war blond und blauäugig und kam ursprünglich aus Umeä. Seit zwanzig Jahren arbeitete er abwechselnd als Forscher, Pathologe und Notarzt im Sahlgrenska-und im Östra-Krankenhaus. Er hatte eine Eigenheit, die seine Kollegen verblüffte und das Personal stolz machte, mit ihm zusammenzuarbeiten: Er hatte die Einstellung, dass während seiner Schicht kein Patient sterben durfte, und wundersamerweise war es ihm bis jetzt gelungen, den Zähler tatsächlich auf null zu halten. Ein paar von seinen Patienten waren freilich gestorben, aber erst während der Folgebehandlung oder aus ganz anderen Ursachen.
Außerdem vertrat Jonasson eine etwas unorthodoxe Berufsauffassung. Er fand, dass Ärzte manchmal dazu neigten, unbegründete Schlüsse zu ziehen, und daher viel zu schnell aufgaben - sie verbrachten einfach zu viel Zeit damit, ganz exakt herauszufinden, was dem Patienten fehlte, um ihn korrekt behandeln zu können. Sicherlich stand es so im Lehrbuch; das Problem war nur, dass der Patient Gefahr lief zu sterben, während der Arzt noch überlegte. Schlimmstenfalls würde der Arzt zu dem Schluss kommen, dass der Fall hoffnungslos war, und die Behandlung abbrechen.
Anders Jonasson hatte jedoch noch nie einen Patienten mit einer Kugel im Schädel vor sich gehabt. Hier brauchte man wahrscheinlich einen Neurochirurgen. Er fühlte sich unzulänglich, aber dann ging ihm auf, dass er vielleicht mehr Glück hatte, als er verdiente. Bevor er sich wusch und die OP-Klei-dung anzog, rief er Hanna Nicander.
»Es gibt da einen amerikanischen Professor namens Frank Ellis, der im Karolinska-Krankenhaus in Stockholm arbeitet, im Moment aber in Göteborg ist. Er ist ein bekannter Hirnforscher und außerdem ein guter Freund von mir. Er wohnt im Hotel Radisson auf der Avenyn. Können Sie mir bitte die Telefonnummer raussuchen?«
Während Anders Jonasson immer noch auf die Röntgenbil-der wartete, kam Hanna Nicander mit der Telefonnummer des Hotels zurück. Jonasson warf einen Blick auf die Uhr -1 Uhr 42 - und griff zum Hörer. Der Nachtportier zeigte sich äußerst unwillig, um diese Zeit überhaupt einen Anruf durchzustellen, und Doktor Jonasson musste ein paar äußerst scharfe Worte über die Patientin in Lebensgefahr fallen lassen, bevor er verbunden wurde.
»Guten Morgen, Frank«, sagte Anders Jonasson, als der Hörer schließlich abgenommen wurde. »Hier ist Anders. Ich habe gehört, dass du grade in Göteborg bist. Hast du Lust, ins Sahlgrenska rüberzukommen und mir bei einer Gehirnoperation zu assistieren?«
»Are you bullshitting me?«, hörte man eine zweifelnde Stimme am anderen Ende der Leitung. Obwohl Frank Ellis seit vielen Jahren in Schweden wohnte und fließend Schwedisch sprach - wenn auch mit amerikanischem Akzent -, blieb Englisch seine Leib- und Magensprache. Anders Jonasson sprach Schwedisch, und Ellis antwortete ihm auf Englisch.
»Frank, tut mir leid, dass ich deinen Vortrag verpasst habe, aber ich dachte, du könntest mir Privatstunden geben. Ich habe hier eine junge Frau, die in den Kopf geschossen wurde. Einschussloch direkt über dem linken Ohr. Ich würde dich nicht anrufen, wenn ich nicht eine zweite Meinung bräuchte. Und ich kann mir kaum eine geeignetere Person dafür vorstellen als dich.«
»Meinst du das im Ernst?«, erkundigte sich Frank Ellis. »Es handelt sich um ein 25-jähriges Mädchen.« »Und sie ist in den Kopf geschossen worden?« »Einschussloch, keine Austrittswunde.« »Aber sie lebt noch?«
»Puls schwach, aber regelmäßig, Atmung weniger regelmäßig, Blutdruck 100 zu 70. Außerdem hat sie eine Kugel in der Schulter und eine Schusswunde in der Hüfte. Das sind also zwei Probleme, mit denen ich selbst klarkomme.«
»Das klingt ja schon mal vielversprechend«, meinte Ellis. »Vielversprechend?«
»Wenn einem Menschen ein Loch in den Kopf geschossen wird und er immer noch lebt, dann muss die Situation als hoffnungsvoll angesehen werden.« »Kannst du mir helfen?«
»Ich muss zugeben, dass ich den Abend mit ein paar guten Freunden verbracht habe. Ich bin erst um eins ins Bett gekommen und dürfte einen ziemlich beeindruckenden Promillewert haben ...«
»Ich werde die Entscheidungen treffen und den Eingriff durchführen. Aber ich brauche jemand, der mir assistiert und mir sagt, ob ich irgendeinen Blödsinn mache. Und ehrlich gesagt ist ein stockbesoffener Professor Ellis vermutlich noch um einige Klassen besser als ich, wenn es darum geht, Gehirnverletzungen einzuschätzen.«
»Okay. Ich komme. Aber du schuldest mir einen Gefallen.« »Vor dem Hotel wartet ein Taxi auf dich.«

Professor Frank Ellis schob sich die Brille auf die Stirn und kratzte sich im Genick. Er blickte konzentriert auf den Computerbildschirm, der jeden Winkel von Lisbeth Salanders Gehirn zeigte. Ellis war 53 Jahre alt, hatte pechschwarzes Haar mit grauen Strähnen, dunkle Bartstoppeln und sah aus wie jemand, der eine Nebenrolle in Emergency Room spielt. Sein Körper verriet, dass er jede Woche ein paar Stunden im Fitnessstudio verbrachte.
Frank Ellis fühlte sich in Schweden sehr wohl. Als junger Forscher war er im Rahmen eines Austauschprogramms Ende der 70er-Jahre gekommen und zwei Jahre geblieben. Danach war er noch ein paarmal zurückgekehrt, bis man ihm eine Professur am Karolinska anbot. Mittlerweile genoss er auf seinem Fachgebiet internationales Ansehen.
Anders Jonasson kannte Frank Ellis schon seit vierzehn Jahren. In einem Seminar in Stockholm waren sie sich zum ersten Mal begegnet und hatten entdeckt, dass sie beide begeisterte Fliegenfischer waren, woraufhin Anders ihn zu einem Angelausflug nach Norwegen eingeladen hatte. Über all die Jahre waren sie immer in Kontakt geblieben und hatten noch mehr Angeltouren zusammen unternommen. Zusammen gearbeitet hatten sie jedoch noch nie.
»Gehirne sind ein Mysterium«, sagte Professor Ellis. »Ich widme mich der Hirnforschung nun schon seit zwanzig Jahren. Sogar schon länger.«
»Ich weiß. Tut mir leid, dass ich dich so hochgescheucht habe, aber .«
»Ach was.« Ellis winkte ab. »Das kostet dich eine Flasche Cragganmore, wenn wir das nächste Mal zum Angeln fahren.«
»Okay. Da komm ich ja günstig weg.« »Vor vielen Jahren, als ich in Boston arbeitete, hatte ich eine Patientin - über den Fall habe ich dann im New England Journal of Medicine berichtet. Es war ein Mädchen im Alter deiner Patientin. Sie war gerade auf dem Weg in die Uni, da schoss jemand mit einer Armbrust auf sie. Der Pfeil trat links unterhalb der Augenbraue ein, ging direkt durch den Kopf und kam mitten im Nacken wieder heraus.«
»Und das hat sie überlebt?«, fragte Jonasson verblüfft. »Als sie in die Notaufnahme kam, sah es richtig übel aus. Wir haben den Pfeil abgeschnitten und ihren Kopf in den Computertomografen geschoben. Der Pfeil ging mitten durchs Gehirn. Jeder realistischen Einschätzung nach hätte sie tot sein oder zumindest ein so massives Trauma haben müssen, dass sie ins Koma gefallen wäre.« »Wie war ihr Zustand?«
»Sie war die ganze Zeit bei Bewusstsein. Und nicht nur das. Natürlich hatte sie schreckliche Angst, aber sie war bei ganz klarem Verstand. Ihr einziges Problem war, dass in ihrem Schädel ein Pfeilschaft steckte.« »Was hast du gemacht?«
»Tja, ich hab mir eine Zange besorgt, den Pfeil rausgezogen und die Wunde versorgt. So ungefähr.« »Kam sie durch?«
»Selbstverständlich war ihr Zustand kritisch, wir haben eine ganze Weile gewartet, bis wir sie wieder aus dem Krankenhaus entlassen haben. Aber ehrlich gesagt - sie hätte genauso gut schon am selben Tag wieder nach Hause gehen können. Ich habe nie eine gesündere Patientin gehabt.«
Anders Jonasson überlegte, ob Professor Ellis ihn gerade auf den Arm nehmen wollte.
»Andererseits«, fuhr Ellis fort, »hatte ich vor ein paar Jahren mal einen 42-jährigen männlichen Patienten in Stockholm, der sich den Kopf am Fensterrahmen gestoßen hatte. Ihm wurde übel, und dann verschlechterte sich sein Zustand so schnell, dass man ihn mit dem Krankenwagen in die Notaufnahme fuhr. Als er zu mir gebracht wurde, war er schon bewusstlos. Er hatte eine kleine Beule und eine minimale Blutung. Aber er wachte nicht wieder auf, und nach neun Tagen auf der Intensivstation starb er. Bis heute weiß ich nicht, warum er gestorben ist. Im Obduktionsprotokoll haben wir geschrieben: >Gehirnblutung infolge eines Unfalls<, aber mit dieser Diagnose war keiner von uns richtig zufrieden. Die Blutung an sich war so unbedeutend, dass sie überhaupt keine Auswirkung hätte haben dürfen. Trotzdem stellten Leber, Nieren, Herz und Lungen nach und nach ihre Tätigkeit ein. Je älter ich werde, desto mehr kommt mir das Ganze wie eine Art Roulette vor. Persönlich glaube ich ja, dass wir niemals so richtig ergründen werden, wie das Gehirn genau funktioniert. Wie willst du vorgehen?«
Er klopfte mit einem Stift auf das Röntgenbild. »Ich hatte gehofft, dass du mir das sagen würdest.« »Erzähl erst mal, wie du die Sache einschätzt.« »Tja, erst mal scheint das ja eine Kugel kleineren Kalibers zu sein. Sie ist in der Schläfe eingetreten und ungefähr vier Zentimeter tief ins Gehirn eingedrungen. Sie liegt am lateralen Ventrikel, und dort haben wir auch die Blutung.« »Maßnahmen?«
»Um deine Terminologie zu verwenden - eine Zange besorgen und die Kugel auf demselben Weg rausholen, wie sie reingekommen ist.«

Produktinformationen

Titel: Vergebung
Untertitel: Roman
Autor:
Übersetzer:
EAN: 9783453013803
ISBN: 978-3-453-01380-3
Format: Fester Einband
Herausgeber: Heyne
Genre: Krimis, Thriller & Horror
Anzahl Seiten: 848
Gewicht: 960g
Größe: H222mm x B149mm x T49mm
Veröffentlichung: 06.03.2008
Jahr: 2008
Land: DE