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Puls

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Leseprobe
Clayton Riddell ist geschäftlich in Boston, hat schon Geschenke für seine Familie besorgt und möchte sich vor der Heimfahrt gerade... Weiterlesen
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Beschreibung

Clayton Riddell ist geschäftlich in Boston, hat schon Geschenke für seine Familie besorgt und möchte sich vor der Heimfahrt gerade bei einem Straßenhändler ein Eis kaufen, als die Welt untergeht. Geschäftsleute, Schüler, Busfahrer, alle Menschen, die in diesem Moment ein Handy am Ohr haben, laufen wie auf einen geheimen Befehl hin Amok, fallen übereinander her, schlachten sich gegenseitig ab, stürzen sich ins Verderben. Irgendwie können Clay, ein kleiner Mann mit Schnurrbart und ein junges Mädchen, das beinahe von ihrer Mutter umgebracht worden wäre, sich in ein Hotel retten. Sie sind völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Clay will unbedingt herausfinden, wie es um seine Frau und vor allem um seinen Sohn Johnny steht, der gerade in der Schule war, als der mörderische Irrsinn losging. Zu ihm muss Clay Kontakt aufnehmen, bevor ein anderer es per Handy tut. Die Suche nach Johnny wird zur Schreckensmission durch eine apokalyptische Welt.

Der Horror hat eine neue Dimension Das Grauen kommt nicht aus Gräbern oder aus dem Weltraum. Es ist mitten unter uns und steckt in jeder Handtasche. Das Handy ist ein moderner Heilsbringer, doch in Stephen Kings "Puls" kommen mit dem Klingelton Wahnsinn und Tod. Clayton Riddell ist geschäftlich in Boston, hat schon Geschenke für seine Familie besorgt und möchte sich vor der Heimfahrt gerade bei einem Straßenhändler ein Eis kaufen, als die Welt untergeht. Geschäftsleute, Schüler, Busfahrer, alle Menschen, die in diesem Moment ein Handy am Ohr haben, laufen wie auf einen geheimen Befehl hin Amok, fallen übereinander her, schlachten sich gegenseitig ab, stürzen sich ins Verderben. Irgendwie können Clay, ein kleiner Mann mit Schnurrbart und ein junges Mädchen, das beinahe von ihrer Mutter umgebracht worden wäre, sich in ein Hotel retten. Sie sind völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Clay will unbedingt herausfinden, wie es um seine Frau und vor allem um seinen Sohn Johnny steht, der gerade in der Schule war, als der mörderische Irrsinn losging. Zu ihm muss Clay Kontakt aufnehmen, bevor ein anderer es per Handy tut. Die Suche nach Johnny wird zur Schreckensmission durch eine apokalyptische Welt.

"Der Horrorkönig ist so gut wie schon lange nicht mehr."

Autorentext
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, ist einer der erfolgreichsten amerikanischen Schriftsteller. Bislang haben sich seine Bücher weltweit über 400 Millionen Mal in mehr als 50 Sprachen verkauft. Für sein Werk bekam er zahlreiche Preise, darunter 2003 den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk und 2015 mit dem Edgar Allan Poe Award den bedeutendsten kriminalliterarischen Preis für Mr. Mercedes. 2015 ehrte Präsident Barack Obama ihn zudem mit der National Medal of Arts. 2018 erhielt er den PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die hohen Werte der Humanität zu verteidigen.

Seine Werke erscheinen im Heyne-Verlag.

Klappentext

Der Horror hat eine neue Dimension

Das Grauen kommt nicht aus Gräbern oder aus dem Weltraum. Es ist mitten unter uns und steckt in jeder Handtasche. Das Handy ist ein moderner Heilsbringer, doch in Stephen Kings "Puls" kommen mit dem Klingelton Wahnsinn und Tod.

Clayton Riddell ist geschäftlich in Boston, hat schon Geschenke für seine Familie besorgt und möchte sich vor der Heimfahrt gerade bei einem Straßenhändler ein Eis kaufen, als die Welt untergeht. Geschäftsleute, Schüler, Busfahrer, alle Menschen, die in diesem Moment ein Handy am Ohr haben, laufen wie auf einen geheimen Befehl hin Amok, fallen übereinander her, schlachten sich gegenseitig ab, stürzen sich ins Verderben. Irgendwie können Clay, ein kleiner Mann mit Schnurrbart und ein junges Mädchen, das beinahe von ihrer Mutter umgebracht worden wäre, sich in ein Hotel retten. Sie sind völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Clay will unbedingt herausfinden, wie es um seine Frau und vor allem um seinen Sohn Johnny steht, der gerade in der Schule war, als der mörderische Irrsinn losging. Zu ihm muss Clay Kontakt aufnehmen, bevor ein anderer es per Handy tut. Die Suche nach Johnny wird zur Schreckensmission durch eine apokalyptische Welt.



Zusammenfassung
Der Horror hat eine neue Dimension

Das Grauen kommt nicht aus Gräbern oder aus dem Weltraum. Es ist mitten unter uns und steckt in jeder Handtasche. Das Handy ist ein moderner Heilsbringer, doch in Stephen Kings Puls kommen mit dem Klingelton Wahnsinn und Tod.

Clayton Riddell ist geschäftlich in Boston, hat schon Geschenke für seine Familie besorgt und möchte sich vor der Heimfahrt gerade bei einem Straßenhändler ein Eis kaufen, als die Welt untergeht. Geschäftsleute, Schüler, Busfahrer, alle Menschen, die in diesem Moment ein Handy am Ohr haben, laufen wie auf einen geheimen Befehl hin Amok, fallen übereinander her, schlachten sich gegenseitig ab, stürzen sich ins Verderben. Irgendwie können Clay, ein kleiner Mann mit Schnurrbart und ein junges Mädchen, das beinahe von ihrer Mutter umgebracht worden wäre, sich in ein Hotel retten. Sie sind völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Clay will unbedingt herausfinden, wie es um seine Frau und vor allem um seinen Sohn Johnny steht, der gerade in der Schule war, als der mörderische Irrsinn losging. Zu ihm muss Clay Kontakt aufnehmen, bevor ein anderer es per Handy tut. Die Suche nach Johnny wird zur Schreckensmission durch eine apokalyptische Welt.



Leseprobe
Das Ereignis, das als der Puls bekannt werden sollte, begann am Nachmittag des 1. Oktober um 15.03 Uhr Eastern Standard Time. Die Bezeichnung war natürlich unzutreffend, aber binnen zehn Stunden nach dem Ereignis waren die meisten Wissenschaftler, die darauf hätten hinweisen können, entweder tot oder irrsinnig. Der Name war ohnehin nicht weiter wichtig. Wichtig war die Wirkung.
Um drei Uhr an diesem Nachmittag ging ein junger Mann, der für die Weltgeschichte ohne besondere Bedeutung war, die Bostoner Boylston Street entlang, hüpfte sie fast entlang. Er hieß Clayton Riddell. Auf seinem Gesicht stand ein Ausdruck unverkennbarer Zufriedenheit, der zu dem Schwung in seinem Schritt passte. Mit der linken Hand schlenkerte er eine jener Künstlermappen, die sich für unterwegs zuklappen und mit Schnappschlössern sichern ließen. Um die Finger seiner rechten Hand war die Zugschnur einer Tragetasche aus braunem Kunststoff geschlungen, auf die für jeden, der Lust hatte, sie zu lesen, die Wörter small treasures gedruckt waren.
In der hin- und herschwingenden Tragetasche befand sich ein kleiner runder Gegenstand. Ein Geschenk, hätten Sie vielleicht vermutet, und Sie hätten Recht gehabt. Sie hätten vielleicht weiter vermutet, dieser Clayton Riddell wolle irgendeinen kleinen (oder vielleicht nicht einmal so kleinen) Sieg mit einem small treasure feiern, und hätten wieder Recht gehabt. Der Gegenstand in der Tragetasche war ein ziemlich teurer Briefbeschwerer aus Glas, in dessen Mitte eine graue Pusteblume eingeschlossen war. Gekauft hatte er ihn auf dem Rückweg vom Hotel Copley Square zu dem weit bescheideneren Atlantic Avenue Inn, in dem er wohnte: verängstigt wegen des Neunzigdollarpreisschilds auf der Unterseite des Briefbeschwerers, aber irgendwie noch mehr wegen der Erkenntnis, dass er sich jetzt solche Dinge leisten konnte.
Der Verkäuferin seine Kreditkarte zu geben hatte fast physischen Mut erfordert. Er bezweifelte, dass er dazu imstande gewesen wäre, wäre der Briefbeschwerer für ihn selbst gewesen; er hätte irgendetwas gemurmelt, er habe sich die Sache anders überlegt, und wäre hinausgehastet. Aber das Ding war für Sharon. Sharon mochte solche Sachen, und sie mochte auch ihn noch immer Ich halte zu dir, Baby, hatte sie am Tag vor seiner Abreise nach Boston gesagt. Im Bewusstsein dessen, wie viel Scheiß sie einander im vergangenen Jahr zugefügt hatten, war er gerührt gewesen. Jetzt wollte er sie anrühren, falls das noch möglich war. Der Briefbeschwerer war klein (ein small treasure), aber er war sich sicher, dass sie die zarte graue Wolke aus Löwenzahnsamen ein Nebel im Miniformat tief in der Mitte des Glases mögen würde.

Clays Aufmerksamkeit wurde durch das Bimmeln eines Eiswagens geweckt. Er stand gegenüber dem Hotel Four Seasons (das sogar noch prächtiger als das Copley Square war) vor dem Boston Common, dem Stadtpark, der sich auf dieser Straßenseite zwei, drei Blocks weit die Boylston Street entlangzog. Über einem Paar tanzender Eiswaffeln standen in Regenbogenfarben die Wörter MISTER SOFTEE. Drei Jungen standen mit Büchertaschen vor den Füßen am Ausgabefenster zusammengedrängt und warteten auf die süße Nascherei. Hinter ihnen standen eine Frau in einem Hosenanzug mit einem Pudel an der Leine und zwei Mädchen im Teenageralter in Hüftjeans und mit iPods und Kopfhörern, die sie gegenwärtig um den Hals trugen, damit sie sich murmelnd unterhalten konnten ernsthaft, ohne zu kichern.
Clay stellte sich hinter ihnen an, wodurch eine ehemalige Kleingruppe sich in eine kurze Schlange verwandelte. Er hatte seiner von ihm entfremdeten Frau ein Geschenk gekauft; er würde auf der Heimfahrt bei Comix Supreme vorbeischauen, um seinem Sohn das neue Spiderman-Heft zu kaufen; also konnte er sich selbst auch etwas gönnen. Er brannte darauf, Sharon seine Neuigkeiten zu erzählen, aber sie war unerreichbar, bis sie gegen Viertel vor vier nach Hause kam. Er stellte sich vor, dass er mindestens so lange im Inn bleiben würde, bis er mit ihr gesprochen hatte; dort würde er die meiste Zeit in seinem kleinen Zimmer auf und ab tigern und seine mit Schnappschlössern gesicherte Künstlermappe ansehen. Bis dahin bildete Mister Softee einen willkommenen Zeitvertreib.
Der Kerl im Eiswagen reichte den Jungen vor dem Fenster ihre Bestellungen hinaus: zwei Eis am Stiel und eine riesige Waffeltüte mit einem gedrehten Schokolade-und-Vanille-Softeiskegel für den großzügigen Spender in der Mitte, der anscheinend für alle zahlte. Während der einen Wust von Dollarscheinen aus seiner modischen Baggy-Jeans angelte, griff die Pudelbesitzerin im Poweranzug in ihre Umhängetasche, holte ihr Handy heraus Frauen in Poweranzügen gingen ebenso wenig ohne ihre Handys aus dem Haus wie ohne ihre Kreditkarten und klappte es auf. Hinter ihnen im Park kläffte ein Hund, und irgendwer stieß einen Schrei aus. In Clays Ohren war das kein fröhlicher Schrei, aber als er sich umsah, konnte er nur einige Spaziergänger, einen Hund, der mit einer Frisbeescheibe in der Schnauze dahintrottete (herrscht dort drinnen nicht Leinenzwang?, fragte er sich), und weite Flächen von sonnigem Grün und einladendem Schatten sehen. Bestimmt ein guter Ort, an dem ein Mensch, der gerade seine erste Graphic Novel verkauft hatte und die Fortsetzung, beides zudem für erstaunlich viel Geld , sich hinsetzen und ein Schokoladeneis essen konnte.
Als er sich wieder umsah, waren die drei Jungen in den Baggy-Jeans fort, und die Frau im Poweranzug bestellte einen Eisbecher. Eines der beiden Mädchen hinter ihr trug ein minzegrünes Handy mit Klipphalterung an der Hüfte, und Power Suit Woman hatte ihres fest ins Ohr geschraubt. Clay dachte, wie er das auf irgendeiner Bewusstseinsebene fast immer tat, wenn er Variationen dieses Benehmens sah, dass er Zeuge wurde, wie ein Benehmen, das früher als grob unhöflich gegolten hätte ja, selbst während man ein Geschäft mit einem völlig Unbekannten abschloss , doch allmählich zu einem Teil des allgemein akzeptierten Verhaltenskodex wurde.
Lass es in Dark Wanderer einfließen, Schatz, sagte Sharon. Die Version von ihr, die er im Kopf behielt, sprach oft und äußerte zu allem ihre Meinung. Das traf auch auf die reale Sharon zu, Trennung hin oder her. Allerdings nicht übers Handy. Clay besaß keines.
Das minzegrüne Telefon spielte den Anfang jenes Songs von Crazy Frog, den Johnny so liebte hieß er nicht »Axel F«? Clay konnte sich nicht genau daran erinnern, vielleicht weil er ihn bewusst ausgeblendet hatte. Das Mädchen, dem das Handy gehörte, riss es von der Hüfte und sagte: »Beth?« Sie hörte zu, lächelte, dann sagte sie zu ihrer Begleiterin: »Das ist Beth.« Nun beugte sich das andere Mädchen nach vorn, und sie hörten beide zu, während beinahe identische Pixiefrisuren (Clay erschienen sie fast wie Zeichentrickfiguren aus dem Vormittagsprogramm am Samstag, vielleicht die Powerpuff Girls) von der Nachmittagsbrise aufgeplustert wurden.
»Maddy?«, sagte die Frau im Poweranzug fast genau gleichzeitig. Ihr Pudel saß jetzt sinnend am Ende der Leine (die Leine war rot und mit Glitzerzeug bestäubt) und beobachtete den Verkehr auf der Boylston Street. Auf der anderen Straßenseite, vor dem Four Seasons, winkte ein Portier in brauner Livree diese Anzüge schienen immer braun oder blau zu sein , vermutlich nach einem Taxi. Ein mit Touristen voll besetztes Amphibienfahrzeug von Duck Tours, das auf dem Trockenen irgendwie deplatziert wirkte, rauschte vorbei, während der Fahrer über Lautsprecher über irgendetwas Historisches schwatzte. Die beiden Mädchen, die dem minzegrünen Telefon zuhörten, wechselten einen Blick und lächelten über etwas, das sie hörten, kicherten aber noch immer nicht.
»Maddy? Kannst du mich hören? Kannst du «
Die Frau in dem Poweranzug hob die Hand, in der sie die Hundeleine hielt, und bohrte einen Finger mit langem Nagel in ihr freies Ohr. Clay, der um ihr Trommelfell fürchtete, zuckte leicht zusammen. Er stellte sich vor, wie er sie zeichnen würde: der Hund an der Leine, der Poweranzug, die modische Kurzhaarfrisur und ein dünner Blutfaden aus dem Ohr, in dem ihr Finger steckte. Das Duck Boat, das eben am Bildrand verschwand, und der Portier im Hintergrund, die beide die Zeichnung irgendwie realistischer erscheinen lassen würden. Das würden sie; das gehörte zu den Dingen, die man einfach wusste.
»Maddy, du kommst unterbrochen an! Ich wollte dir bloß erzählen, dass ich mir die Haare bei diesem neuen meine Haare? MEINE «
Der Kerl in dem Mister-Softee-Wagen beugte sich hinunter und hielt ihr den Eisbecher hin. Daraus erhob sich ein weißer Berg, an dessen Flanken Ströme von Schokoladen- und Erdbeersoße herabliefen. Sein stoppelbärtiges Gesicht war ausdruckslos. Es sagte, er habe alles schon mal gesehen. Davon war Clay überzeugt das meiste vermutlich zweimal. Im Park kreischte irgendjemand. Clay sah sich abermals um, redete sich wieder ein, das müsse ein Freudenschrei gewesen sein. Drei Uhr nachmittags, ein sonniger Nachmittag auf dem Boston Common, das musste eigentlich ein Freudenschrei sein. Oder?
Die Frau sagte irgendetwas Unverständliches zu Maddy und klappte ihr Handy mit einer geübten Handbewegung zu. Sie ließ es wieder in ihre Umhängetasche fallen, dann stand sie einfach da, als hätte sie vergessen, was sie hier tat, oder sogar, wo sie war.
»Macht vier fünfzig«, sagte der Mister-Softee-Kerl, der ihr weiter geduldig den Eisbecher hinhielt. Clay hatte noch Zeit zu denken, wie beschissen teuer in der Stadt alles war. Vielleicht fand die Frau im Poweranzug das auch, jedenfalls tat sie wenigstens nahm er das zuerst an noch einen Augenblick länger nichts, sondern betrachtete nur den Becher mit dem Berg aus Eiscreme und der herablaufenden Soße, als hätte sie dergleichen noch nie gesehen.
Dann kam ein weiterer Schrei vom Stadtpark herüber, diesmal kein menschlicher Laut, sondern etwas zwischen einem überraschten Jaulen und einem schmerzlichen Heulen. Clay drehte sich danach um und sah den Hund, der mit der Frisbeescheibe vorbeigetrottet war. Es war ein ziemlich großer brauner Hund, vielleicht ein Neufundländer, er kannte sich eigentlich nicht mit Hunden aus, wenn er einen zeichnen musste, holte er sich ein Buch und zeichnete einen ab. Ein Mann in einem Geschäftsanzug kniete neben dem Hund, hatte ihn in den Schwitzkasten genommen und schien bestimmt sehe ich nicht, was ich zu sehen glaube, dachte Clay an seinem Ohr herumzukauen. Dann jaulte der Hund wieder auf und versuchte sich loszureißen. Der Mann im Geschäftsanzug hielt ihn eisern fest, und ja, der Mann hatte das Hundeohr im Mund, und während Clay ihn weiter beobachtete, riss der Mann es vom Kopf des Hundes ab. Diesmal stieß der Hund einen fast menschlichen Schrei aus, und einige Enten, die auf einem nahe gelegenen Teich geschwommen hatten, flogen laut quakend auf.
»Räst!«, rief jemand hinter Clay. Zumindest klang es wie Räst. Es hätte auch »Rest« oder »Rost« sein können, aber im Licht späterer Erfahrungen tendierte er zu Räst: kein richtiges Wort, sondern bloß ein unverständlicher aggressiver Laut.
Er drehte sich gerade rechtzeitig nach dem Eiswagen um, um zu sehen, wie Power Suit Woman ins Ausgabefenster hechtete, um den Mister-Softee-Kerl zu fassen zu bekommen. Sie schaffte es, die losen Falten an der Vorderseite seines weißen Kittels zu packen, aber ein einzelner erschrockener Schritt rückwärts genügte, damit er sich aus ihrem Griff losreißen konnte. Ihre hohen Absätze verließen kurz den Gehsteig, und er hörte das Rascheln von Stoff und das Klicken von Knöpfen, als die Vorderseite ihres Jacketts erst über den Rand der kleinen Theke hinauf und dann wieder nach unten ratterte. Der Eisbecher purzelte außer Sicht. Clay sah eine Schmiere aus Eiscreme und Soße auf dem linkem Handgelenk und Unterarm von Power Suit Woman, als ihre hohen Absätze wieder auf den Gehsteig klackten. Sie taumelte mit leicht gebeugten Knien. Ihr verschlossener, wohlerzogener, für die Öffentlichkeit bestimmter Gesichtsausdruck den Clay für einen grundsätzlichen Auf-der-Straße-keine-Mieneverziehen-Look hielt war durch ein krampfartiges Zähnefletschen ersetzt worden, das ihre Augen zu Schlitzen verkleinerte und beide Zahnreihen freilegte. Ihre Oberlippe war völlig nach außen gestülpt und ließ eine samtartige rosa Auskleidung sehen, so intim wie eine Scheide. Ihr Pudel lief auf die Straße und schleppte dabei seine rote Leine mit der Handschlaufe am Ende hinter sich her. Eine schwarze Limousine überfuhr den Pudel, bevor er halb drüben war. Eben noch Flausch; im nächsten Augenblick Brei.
Wahrscheinlich hat der arme Köter schon im Hundehimmel gekläfft, bevor er gewusst hat, dass er tot ist, dachte Clay. Er begriff auf irgendeine distanzierte Weise, dass er unter Schock stand, was aber an der Intensität seiner Verwunderung gar nichts änderte. Er stand einfach nur mit seiner Künstlermappe in der einen Hand und seiner braunen Tragetasche in der anderen mit herabhängender Kinnlade da.
Irgendwo vielleicht um die nächste Ecke auf der Newbury Street explodierte irgendetwas.
Die beiden Mädchen hatten zwar genau dieselbe Frisur über ihren iPod-Kopfhörern, aber die mit dem minzegrünen Handy war blond, während ihre Freundin brünett war; sie waren sozusagen Pixie Light und Pixie Dark. Jetzt ließ Pixie Light ihr Handy auf den Gehsteig fallen, wo es zerschellte, und packte Power Suit Woman um die Taille. Clay nahm an (soweit er in diesen Augenblicken überhaupt imstande war, etwas anzunehmen), dass sie Power Suit Woman daran hindern wollte, sich erneut auf den Mister-Softee-Kerl zu stürzen oder ihrem Hund auf die Straße nachzulaufen. Es gab sogar einen Teil seines Verstandes, der der Geistesgegenwart des Mädchens applaudierte. Ihre Freundin, Pixie Dark, wich mit zwischen den Brüsten gefalteten kleinen weißen Händen und angstvoll aufgerissenen Augen von der ganzen Chose zurück.
Clay ließ seine Sachen fallen, auf beiden Seiten je eine, und trat vor, um Pixie Light zu helfen. Auf der anderen Straßenseite das nahm er nur am Rand seines Blickfelds wahr kam ein Wagen ins Schleudern und raste über den Gehsteig vor dem Four Seasons, sodass der Portier beiseite flitzen musste. Vom Vorplatz des Hotels drangen Schreie herüber. Und bevor Clay anfangen konnte, Pixie Light in Sachen Power Suit Woman zu helfen, hatte Pixie Light mit ihrem hübschen kleinen Gesicht schlangenartig gewandt zugestoßen, ihre unzweifelhaft kräftigen jungen Zähne gefletscht und in den Hals von Power Suit Woman geschlagen. Sofort spritzte ein gewaltiger Blutstrahl hervor. Das Pixie-Girl hielt ihr Gesicht hinein, schien darin zu baden, vielleicht sogar davon zu trinken (Clay war sich fast sicher, dass sie das tat), dann schüttelte sie Power Suit Woman wie eine Puppe. Die Frau war größer, musste an die zwanzig Kilo schwerer sein als die Kleine, aber das Mädchen schüttelte sie so kräftig, dass der Kopf der Frau hin und her flog und weiteres Blut verspritzte. Gleichzeitig erhob das Mädchen sein blutverschmiertes Gesicht zu dem leuchtend blauen Oktoberhimmel und stieß ein Heulen aus, das wie Triumphgeheul klang.
Sie ist verrückt, dachte Clay. Völlig übergeschnappt.
»Wer bist du?«, rief Pixie Dark laut. »Was ist los?«
Beim Klang der Stimme ihrer Freundin warf Pixie Light ihren blutigen Kopf herum. Von den kurzen Dolchspitzen ihrer Stirnfransen tropfte Blut. Augen wie weiße Lichter glotzten aus blutgesprenkelten Höhlen.
Pixie Dark starrte Clay mit weit aufgerissenen Augen an. »Wer bist du?«, wiederholte sie und dann: »Wer bin ich?«
Pixie Light ließ Power Suit Woman fallen, aus deren aufgebissener Halsschlagader beim Zusammenbrechen auf dem Gehsteig weiter Blut spritzte, dann stürzte sie sich auf das Mädchen, mit dem sie sich noch vor wenigen Augenblicken dick befreundet ein Handy geteilt hatte.
Clay dachte nicht nach. Hätte er nachgedacht, wäre Pixie Dark vielleicht ebenso der Hals aufgebissen worden wie der Frau im Hosenanzug. Er sah nicht einmal hin. Er griff einfach nach rechts unten, bekam die Tragetasche von small treasures am oberen Rand zu fassen und schwang sie gegen Pixie Lights Hinterkopf, als diese sich auf ihre ehemalige Freundin stürzte, wobei sich ihre ausgestreckten Hände vor dem blauen Himmel wie Seesterne abzeichneten. Wenn er sie verfehlte
Er verfehlte sie nicht, streifte das Mädchen auch nicht etwa nur. Der gläserne Briefbeschwerer in der Tragetasche traf Pixie Light mit gedämpftem dumpfem Aufprall genau am Hinterkopf. Pixie Light ließ die Hände sinken, eine blutbefleckt, die andere noch sauber, und plumpste zu Füßen ihrer Freundin wie ein Kartoffelsack auf den Gehsteig.
»Was zum Teufel?«, rief Mister-Softee-Kerl. Seine Stimme klang unwahrscheinlich hoch. Vielleicht hatte der Schock einen Kontratenor aus ihm gemacht.
»Keine Ahnung«, sagte Clay. Sein Herz jagte. »Schnell, helfen Sie mir. Die andere hier verblutet.«
Von der Newbury Street hinter ihnen kam das unverkennbare dumpfe Krachen und Klirren eines Zusammenstoßes, dem sofort Schreie folgten. Den Schreien wiederum folgte eine weitere Explosion, diesmal lauter, scheppernder, in den Tag hinaushämmernd. Hinter dem Mister-Softee-Wagen schleuderte ein weiteres Auto über drei Fahrspuren der Boylston Street auf den Vorplatz des Four Seasons, wo es ein paar Fußgänger niedermähte und dann das Heck des vorigen Wagens rammte, der mit eingedrückter Motorhaube an der Drehtür zum Stehen gekommen war.

Produktinformationen

Titel: Puls
Untertitel: Roman
Übersetzer:
Autor:
EAN: 9783453565098
ISBN: 978-3-453-56509-8
Format: Taschenbuch
Herausgeber: Heyne Taschenb.
Genre: Krimis, Thriller & Horror
Anzahl Seiten: 576
Gewicht: 396g
Größe: H187mm x B119mm x T41mm
Jahr: 2007
Land: DE